28.04.2009
NSK hat auf der HMI in Hannover die Gelegenheit genutzt, ihre Marktpräsenz zu verstärken. Auf der Messe wurde nicht nur das umfassende Wälzlagerprogramm, sondern auch die Engineering-Kompetenz vorgestellt, die man anspruchsvollen Zielbranchen wie der Windkraftindustrie bietet.
Dr. Jürgen Ackermann, Geschäftsführer der „European Bearings Business Unit“, d.h. der Wälzlagersparte der NSK Europe Ltd. mit Sitz in Ratingen, nimmt Stellung zur Marktposition und Strategie von NSK im europäischen Markt.
Herr Dr. Ackermann, bitte stellen Sie kurz das Unternehmen und seine Wälzlagersparte vor!
NSK gehört zu international führenden Wälzlagerherstellern. Im Heimatmarkt Japan sind wir klar die Nummer Eins, weltweit unter den ersten Drei – mit zunehmend stärkerer Präsenz in Europa. Die Wälzlagersparte für industrielle Anwendungen ist allerdings nur einer von vier NSK- Geschäftsbereichen. Ein zweiter Geschäftsbereich ist die Lineartechnik, die Kugelführungen und Linearführungen vor allem für den Werkzeugmaschinenbau anbietet. Außerdem gibt es eine Automobilzuliefer-Sparte, die Wälzlager für Automobilanwendungen und komplette Pkw-Lenkungssysteme entwickelt und fertigt.
In Europa treffen Sie auf starke und große Wettbewerber und im deutschen Maschinenbau auf besonders anspruchsvolle Kunden. Wie positionieren Sie sich hier, welche Vorteile können Sie in die Waagschale werfen?
Wir bieten das volle Sortiment und sind sehr breit aufgestellt – das ist es, was vie-len Kunden und auch Handelspartner schätzen. Wir bieten herausragende Produktqualität und besondere Produktspezifikationen als Differenzierungsmerkmale. Allerdings haben wir ergänzend dazu vor etwa fünf Jahren eine Strategie implementiert, nach der wir uns auf Industrien fokussieren, in denen Wälzlager ein wesentliches Bauelement darstellen und in denen wir als Wälzlagerhersteller auch entsprechenden „added value“ bieten können.
Welche Branchen sind das?
Zu den Anwenderbranchen, in denen wir besondere Kompetenz bieten, gehören Industriegetriebe, Pumpen und Kompressoren, Werkzeugmaschinen, die Stahlindustrie und die Windenergie, die für uns der größte Wachstumsbereich ist
Die Kunden in diesen Bereichen wollen ja sicherlich nicht „aus dem Regal“ bedient werden, sondern Sie müssen hier Engineering-Arbeit leisten.
Genau das ist die Strategie, und wir haben auch ein hohes Maß an branchenspezifischem Know-how aufgebaut. Wir kennen die spezifischen Probleme der Wälzlager-Anwendung und arbeiten daran, sie mit den Möglichkeiten unseres Hauses zu beseitigen.
Dabei werden auch konstruktive Aufgaben zu lösen sein. Was hat NSK den Kunden in diesem Bereich, d.h. in der Forschung, Entwicklung und Erprobung, zu bieten?
In der zentralen Forschung und Entwicklung in Fujisawa, etwa eine Autostunde von Tokio entfernt, beschäftigen wir rund 1600 Mitarbeiter. Um dieses Know-how stärker auch für Kundenprojekte zu nutzen, bauen wir zurzeit unser europäisches Technologiezentrum hier in Ratingen weiter aus. Wir werden also in Kürze sehr viel intensiver z.B. kundenspezifische Versuche durchführen und umfassendere Engineering-Dienstleistungen bieten können.
Gibt es besondere F&E-Kompetenzen von NSK?
Wir betreiben sehr intensive Grundlagenarbeit in der Werkstofftechnik und haben auch eine eigene Schmierstoff-Entwicklung. Die japanischen Tugenden der Konsequenz und der Fokussierung auf Details bringen bei der Weiterentwicklung eines so etablierten Produktes wie dem Wälzlager oft geradezu erstaunliche Ergebnisse: Die Innovation steckt im Detail!
In welchen Anwendungsbereichen oder Produktgruppen haben Sie in den vergangenen zwei Jahren überproportionales Wachstum erzielt?
Besonders stark gewachsen sind wir in den eingangs genannten anspruchsvollen Zielbranchen, in denen wir über besondere Engineering-Kompetenz verfügen. Dies zeigt, dass die Strategie der Fokussierung richtig war.
Wenn man die Idee weiterdenkt, wäre eine immer stärkere Spezialisierung die Folge. Ist das gewollt?
Wir werden auch in Zukunft ein Vollsortimenter bleiben: Ein Unternehmen mit einem Umsatz von umgerechnet 6 Mrd. € ist zu groß, um ausschließlich Spezialist zu sein. Wir werden also unser Basisgeschäft nicht vernachlässigen, zumal wir über ein sehr breites Programm und ein weltweites Netz von „schlanken“ und flexiblen Fertigungsstätten verfügen. Zugleich aber bauen wir die Differenzierung in den Zielbranchen aus und bieten den Kunden hier Zusatznutzen, den man auch in Euro und Cent beziffern kann.
Der Trend zu immer höheren Anforderungen z.B. in puncto Leistungsdichte und Verfügbarkeit in vielen Branchen müsste doch zur Folge haben, dass sich das Angebot an Wälzlagern immer weiter ausdifferenziert. Ist das so? Und wie reagieren Sie darauf?
Dieser Trend ist deutlich spürbar: Es gibt häufiger Spezialwälzlager für definierte Branchen oder Kunden. Das ist ein Teil der Differenzierung, die zu unserer Strategie gehört.
Bezieht sich diese Strategie auch auf die Endanwender von Wälzlagern, indem sie diese z.B. bei der Auswahl der „richtigen“ Lager und der Optimierung des Lagereinsatzes im Betrieb unterstützen?
Wir betreiben ein umfassendes Application Engineering – zum Beispiel in den Bereichen Baumaschinen und Aufbereitungstechnik – das auch in Verbindung mit dem Handelsgeschäft sehr gut ankommt. Der sogenannte MRO-Bedarf (Main-tenance Repair Operations) bietet für uns große Marktpotenziale und aus Kundensicht große Verbesserungspotenziale im Hinblick auf Produktivität, Standzeit und Kosten.
Wie hat man sich dieses Engineering konkret vorzustellen?
Einer unserer Application Engineers für die jeweilige Branche besucht gemein-sam mit dem Händler den Endkunden, analysiert die Anwendung und gibt – oft in Abstimmung mit dem Technologiezentrum – Empfehlungen für die optimierte Lagerauswahl. Hier ist übrigens ein Vollsortiment eine wichtige Voraussetzung, weil die Endanwender nicht mit unterschiedlichen Lieferanten zusammenarbeiten möchten.
Die Energieeinsparung ist in der Antriebstechnik zurzeit ein allgegenwärtiges Thema – auch für NSK und Ihre Kunden?
Auf jeden Fall: Unsere Kunden fragen nach energiesparenden Lösungen, und es gibt eine ganze Reihe von entsprechenden Produkten aus unserem Hause. Das gilt für die Lagerung von Großgetrieben ebenso wie für die Massenmärkte – zum Beispiel haben wir „Low friction“-Lager für Haushaltgeräte entwickelt. Auch hier liegen die Lösungen in konsequenter Detailarbeit.
Sie sprachen die Fertigungsstätten an: Wo werden die in Europa verkauften Wälzlager gefertigt? Und gibt es aktuelle Investitionen in die Produktion?
Wertmäßig betrachtet, stammen rund 50% der in Europa verkauften Wälzlager aus europäischen Produktionsstätten. Investitionen tätigt NSK zurzeit vor allem in die Produktion von Großwälzlagern, die vorwiegend in der Windkrafttechnik eingesetzt werden. Hier haben wir in den vergangenen beiden Jahren rund 150 Mio. € in Produktionskapazitäten investiert – und die nächste Erweiterung ist schon beschlossen.
Sie präsentieren sich auf Ihrer Website in neuem Erscheinungsbild – warum?
Kunden- und Marktbefragungen zeigen uns, dass unsere Kunden sehr zufrieden sind mit unserer Arbeit. Gerade diejenigen Kunden, die wir mit Engineering unterstützen, sind regelrecht begeistert. Aber bei vielen potenziellen Kunden ist unser Unternehmen und sein Leistungsspektrum nicht hinreichend bekannt. Das wollen wir ändern und neue Marktanteile gewinnen. Dazu gehört auf der Marketing-Ebene auch ein frischerer, klarerer Auftritt und eine Website, die dem Besucher vielfältige und nützliche Informationen liefert.
Wie wirkt sich die aktuelle Krise auf Ihr Geschäft aus?
Natürlich spüren auch wir die gegenwärtigen Krise. Wir haben daher unsere Fertigungskapazitäten angepasst – schnell und konsequent. Wir halten unsere Kostenstrukturen im Griff und gehen auch hier mit japanischer Gelassenheit zu Werke, die vermeidet, dass wir überreagieren oder unsere Leistungsfähigkeit einschränken. Wir werden die geplanten Investitionen z.B. in das Technologiezentrum in Ratingen tätigen und stellen auch unsere Messepräsenz in Hannover nicht in Frage. Denn was vor einem halben Jahr strategisch richtig und wichtig war, ist auch heute noch richtig.
Welche Erwartungen haben Sie – vor dem Hintergrund der aktuellen Krise – ?
Für einen Hersteller mit einem Potenzial wie NSK, aber einem deutlich ausbaufähigen Marktanteil in Europa bietet die Krise auch Chancen: In der jetzigen Situation sind die Maschinenbauer eher bereit, neue Wege zu gehen, ihre Konstruktionen zu optimieren und ihre Lieferanten zu wechseln. Wir sind sowohl willens als auch in der Lage, diese Chancen zu nutzen.